16. September 20266 MinutenInformationsmanagement
Das erste Modell kommt in Schritt sechs
Jeder kennt die AIA und den BIM-Abwicklungsplan. Beide gehören zu einem Prozess mit acht Schritten, und die übrigen sechs bleiben in vielen Projekten leer. Beim Aufsetzen merkt das niemand. Man merkt es, wenn das erste Modell abgelehnt wird.
Dritter Meilenstein, Ende Entwurf. Der Generalplaner stellt das koordinierte Modell in die Datenumgebung, der Bauherr lässt es prüfen, und die Prüfung fällt durch. Bauteile ohne Klassifikation, Geschosse anders benannt als im Raumbuch, Raumnummern nach dem System des Architekten statt nach dem des Betreibers. Zwei Wochen später sitzen alle an einem Tisch und reden nicht über das Modell. Sie reden darüber, ob es für diese Punkte je eine Anforderung gab.
Es gab eine. Sie stand in der AIA auf Seite 31, als Verweis auf einen Informationsstandard des Projekts, den nie jemand geschrieben hat. Der BIM-Abwicklungsplan hatte den Verweis übernommen. Im Vertrag stand keines von beiden.
Die Szene ist ausgedacht. Wer ein paar Jahre in Projekten mit BIM-Anforderungen unterwegs ist, kennt sie trotzdem, in wechselnder Besetzung.
Acht Schritte, zwei bekannte
ISO 19650-2 beschreibt das Informationsmanagement der Lieferphase als Prozess mit acht Schritten. Bedarfsbewertung, Ausschreibung, Angebotsabgabe, Informationsbestellung, Mobilisierung, kollaborative Erzeugung, Bereitstellung des Informationsmodells, Projektabschluss. Der Prozess läuft nicht einmal je Projekt. Er läuft je Beauftragung, für den Vermesser genauso wie für den Generalplaner und das Rohbaugewerk, in unterschiedlicher Tiefe.
Die Austausch-Informationsanforderungen, im deutschsprachigen Alltag AIA genannt, gehören in Schritt zwei. Der BIM-Abwicklungsplan kommt in Schritt drei als vorläufige Fassung und wird in Schritt vier bestätigt. Das ist der Teil, den die Branche kennt, und der ist in vielen Projekten auch vorhanden. Das erste Modell entsteht in Schritt sechs. Zwischen der AIA und dem Modell liegt das, was in den Projektordnern fehlt.
Was in den leeren Schritten steht
Der erste Schritt ist der größte, und er liegt beim Bauherrn. Die Norm fragt hier nicht nach Modellen. Sie fragt nach Entscheidungen. An welchem Punkt im Projekt muss jemand etwas entscheiden, und welche Frage muss dafür beantwortet sein? Aus den Fragen folgen die Informationsanforderungen, aus den Anforderungen die Meilensteine, und erst daraus folgt, was geliefert wird. Wer mit dem Modell anfängt, hat die Kette von hinten aufgezäumt.
Dazu gehört der Informationsstandard des Projekts: wie Information ausgetauscht, gegliedert und klassifiziert wird, nach welcher Methode die Informationsbedarfstiefe zugewiesen wird und wie die Information im Betrieb weiterverwendet werden soll. Ohne ihn entstehen so viele Ordnungssysteme, wie Büros beteiligt sind, und jedes davon ist für sich genommen vernünftig.
Dazu gehört die gemeinsame Datenumgebung. Die Norm empfiehlt nachdrücklich, sie vor der Ausschreibung anzulegen, damit schon mit den Bietern sicher darüber ausgetauscht werden kann, und sie nennt sechs Dinge, die sie können muss. Eine eindeutige Kennung je Informationscontainer nach dokumentierter Konvention. Werte aus einem vereinbarten Kodierungsstandard. Status, Überarbeitungsstand und Klassifikation als Attribute. Statusübergänge. Die Aufzeichnung, wer wann einen Übergang ausgelöst hat. Zugriff je Container. In der Praxis richtet der Generalplaner die Umgebung nach dem Zuschlag ein, und damit gehört der Ort, an dem die Information des Bauherrn liegt, dem Auftragnehmer.
Und dazu gehört das Informationsprotokoll, die vertragliche Anlage. Verpflichtungen, Haftung, geistiges Eigentum, Nutzung nach Projektende. Nach Abschnitt 5.4.6 gehören AIA, Informationsstandard, Informationsprotokoll, BIM-Abwicklungsplan und Master-Plan gemeinsam in die Bestelldokumente. Die AIA sagt, was geliefert wird. Das Protokoll sagt, was gilt, wenn es nicht geliefert wird. In der Praxis liegt die AIA im Vertrag und das Protokoll fehlt, und dann steht die Anforderung ohne Folge da. Der BIM-Abwicklungsplan ist eine Antwort auf die AIA. Wo die Frage fehlt, ist er ein Prospekt.
Fähigkeit ist nicht Kapazität
In Schritt drei antwortet die Marktseite, und auch hier ist der BIM-Abwicklungsplan nur ein Teil der Antwort. Die Norm verlangt vom Bieter eine Bewertung von Fähigkeit und Kapazität für jedes einzelne Aufgabenteam, einen Mobilisierungsplan und ein Risikoregister. Fähigkeit sagt, ob das Team es kann. Kapazität sagt, ob es das rechtzeitig kann, neben allem anderen, was im Haus läuft. Die zweite Frage wird in Angeboten routinemäßig übersprungen, und sie ist die, an der der erste Meilenstein hängt.
Ob das ernst genommen wird, entscheidet der Bauherr in Schritt zwei mit seinen Bewertungskriterien. Wiegt das Informationsmanagement fünf von hundert Punkten, schreiben Bieter zwei Seiten Prosa und gewinnen trotzdem.
Nach dem Zuschlag wird aus dem vorläufigen Plan ein bestätigter, und aus der groben Verantwortungsmatrix eine detaillierte. Die beantwortet je Lieferung, welche Information entsteht, wann sie mit wem ausgetauscht wird und welches Aufgabenteam sie erzeugt. Daraus entstehen die aufgabenbezogenen Bereitstellungspläne, aus deren Summe der Master-Plan. Wer die Matrix mit echten Namen ausfüllt, findet Zeilen mit zwei Zuständigen und Zeilen ohne einen. Das ist kein Fehler der Vorlage, sondern der Befund.
Schritt fünf, die Mobilisierung, ist der Schritt, den alle für Formsache halten. Ressourcen bestätigen, Software einrichten, Datenumgebung anbinden, den Austausch zwischen den Teams testen. Ein Test ohne Datei ist kein Test. Ein echter Container, einmal durch jeden Weg geschickt, den das Projekt später nutzt, zeigt an einem Nachmittag, ob Benennung, Klassifikation und Metadaten am anderen Ende ankommen.
Zwei Prüfungen, zwei Tore
Ab Schritt sechs gibt es Modelle, und ab hier wird die Norm oft mit einem Modellierungsstandard verwechselt. Sie sagt nichts über Bauteilstrukturen, Farben oder Schnitttiefen. Sie sagt, wie ein Informationscontainer geprüft wird, bevor er geteilt wird, und wer ihn danach annimmt. Zwei Prüfungen im Aufgabenteam, dann zwei Tore.
Die Norm empfiehlt an beiden Toren, das gesamte Modell zu autorisieren oder abzulehnen. Teilannahmen erzeugen Koordinationsstände, die sich später nicht mehr rekonstruieren lassen. Und sie sieht die Ablehnung als vorgesehenen Weg vor: ablehnen, ändern lassen, erneut vorlegen. Auf Container-Ebene wird dabei festgehalten, warum eine Bewertung gescheitert ist. In der Szene vom Anfang war die Ablehnung nicht das Problem. Das Problem war, dass niemand sagen konnte, wogegen geprüft wurde.
Der Einwand, der bleibt
Der Einwand lautet: Das ist ein Apparat für Großprojekte. Die Norm sagt dazu selbst, dass sie verhältnismäßig anzuwenden ist, und sie meint es so. Ein kleines Projekt braucht keine hundert Seiten. Es braucht eine Meilensteinliste, eine Matrix mit Namen, eine Datenumgebung, die die sechs Dinge kann, und einen Prüfbogen, den jemand ausfüllt. Der Rest kann warten, bis das läuft.
Ehrlich ist auch das andere. Der Prozess gibt dem Bauherrn Arbeit, bevor er einen Planer hat. Das ist der eigentliche Grund, warum Schritt eins übersprungen wird. Nicht Unkenntnis, sondern die Reihenfolge. Wer bestellt, muss vorher wissen, was er wissen will, und das ist unbequemer, als einen Bieter zu fragen, was er anbietet.
Das Modell kommt in Schritt sechs. Ob es angenommen wird, entscheidet sich in Schritt eins.
Was ein Bauherr vor der nächsten Ausschreibung tun kann
Nichts davon braucht Software. Es braucht einen Nachmittag und die Bereitschaft, Fragen aufzuschreiben, bevor man Antworten bestellt.
- Die Entscheidungspunkte des Projekts auflisten und zu jedem die Frage notieren, die dafür beantwortet sein muss. Daraus entstehen die Anforderungen, nicht umgekehrt.
- Den Informationsstandard festlegen, bevor die AIA geschrieben wird. Austausch, Gliederung, Klassifikation, Bedarfstiefe. Zwei Seiten reichen für den Anfang, solange sie verbindlich sind.
- Die Datenumgebung selbst einrichten und die sechs Fähigkeiten durchgehen. Was jetzt fehlt, fehlt sonst bis zum Projektende.
- Das Informationsprotokoll neben der AIA in den Vertrag nehmen. Ohne diese Anlage bleibt die AIA eine Anforderung ohne Folge.
Die AIA selbst und der BIM-Abwicklungsplan sind dabei die kleinste Sorge. Für beide gibt es einen Generator, der sie aus den Angaben zum Projekt erzeugt, und seit heute auch vollständige Vorlagen im Paket unten. Was fehlt, ist selten das bekannte Dokument. Es ist der Rest.
In eigener Sache
Vorlagenpaket ISO 19650-2
Die leeren Schritte brauchen Papier: den Informationsstandard, die Vereinbarung zur Datenumgebung, das Informationsprotokoll, die Bewertung von Fähigkeit und Kapazität, die Verantwortungsmatrix, den Prüfbogen. Ich habe achtzehn Dokumente dafür aufgesetzt, entlang der acht Schritte, auf Deutsch und bearbeitbar. AIA, BIM-Abwicklungsplan und beide Bereitstellungspläne sind als vollständige Vorlagen dabei, geführt erzeugen lassen sie sich weiterhin kostenlos im Generator.
Ansehen, 290 € zzgl. USt. Leseprobe als PDF, drei Seiten
Quellen
- ISO 19650-2:2018, Informationsmanagement mit BIM, Lieferphase. Zitierte Stellen: Einleitung 0.1 zur Verhältnismäßigkeit, Abschnitt 4 mit dem Prozessbild, 5.1.2 bis 5.1.8 zur Bedarfsbewertung, 5.2.1 und 5.2.3 zur Ausschreibung, 5.3.2 bis 5.3.6 zum Angebot, 5.4.2 bis 5.4.5 zur Bestellung, 5.5 zur Mobilisierung, 5.6.3 und 5.6.4 zu den Prüfungen, 5.7.2 und 5.7.4 zu Autorisierung und Annahme, 5.8 zum Abschluss.
- ISO 19650-1:2018, Begriffe und Grundsätze, für die Rollen und die Informationsbedarfstiefe. Die deutschen Bezeichnungen folgen der deutschsprachigen Ausgabe der Norm; AIA und BAP sind Praxisbegriffe.
- Auf dieser Website: ISO 19650 erklärt, TIDP und MIDP, AIA und BIM-Abwicklungsplan.